Shadow of the Colossus

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Klassische Epik erreicht durch Simplizität

Denkt man daran, welche Freiheiten uns durch Spiele wie GTA V oder Watch Dogs gegeben werden, könnte man durchaus verstehen, dass jemand ein Spiel wie Shadow of the Colossus langweilig findet. Doch hinter der auf den ersten Blick eintönigen Fassade steckt eine einzigartige und außergewöhnliche Magie, die nicht nur dank ihrer emotionalen Tiefe schnell in ihren Bann ziehen kann. Wir haben uns den Klassiker nochmal angeschaut und berichten, warum Shadow of the Colossus knapp 10 Jahre später immer noch ein funkelndes Videospiel-Juwel ist.

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Nun, wo die PlayStation 4 auch schon 8 Monate in den Regalen der Händler steht, kann man die Titel der PlayStation 2 durchaus als Retro bezeichnen. Doch schon damals wollten Team ICO aus der Masse herausstechen und große Gefühle vermitteln, ohne den Spieler mit Texten und Dialogen zu bombardieren. Mit Ico erschien 2001 dann das, was man als >a dream come true< Story bezeichnen kann. Fumito Ueda, welcher das Entwicklerstudio bereits 1997 gründete, arbeitete alleine an einer Demo zu Ico und konnte mit seinem Enthusiasmus und seiner artistischen Vision schließlich genügend Leute in Sonys Chefetage überzeugen, um grünes Licht für die Entwicklung zu bekommen. Heutzutage zählt Ico zu den Meilensteinen der PlayStation 2-Ära, wurde bereits zum Release mit Top-Wertungen überschüttet und ist immer wieder Gesprächsthema, wenn in Social Networks wieder einmal die Debatte rund um die besten Spiele aller Zeiten ausbricht.

Shadow of the Colossus 1

Mit einem gerade einmal 35 Mann starken Team startete man danach die Entwicklung eines neuen Spiels. Das Ergebnis war Shadow of the Colossus- das bis zum heutigen Zeitpunkt einzige weitere Spiel der Entwicklerschmiede Team ICOs. Ob Shadow of the Colossus nun besser oder schlechter als Ico war, muss jeder Fan für sich selbst entscheiden. Uns würde es an vielen Punkten schwer fallen, überhaupt einen fairen Vergleich aufzustellen. Fest steht jedoch, dass Shadow of the Colossus für sich gesehen ein selten dagewesenes Spielerlebnis bietet, verzaubert und von jedem Gamer zumindest einmal angespielt werden sollte.

Ohne große Worte

Vorab sei gesagt: Vorgekaut wird hier nichts. Grob geschätzt gibt es im Spiel vielleicht 20 Dialoge. Trotzdem vermittelt das Spiel Emotionen und schafft es, die Figuren und ihre Handlungen nachvollziehbar und gefühlsecht zu präsentieren. Wie weit würdest du gehen, um die Frau zu retten, die du liebst? – dies ist die Quintessenz von Shadow of the Colossus. Die Hauptfigur namens Wander erscheint von Anfang an als verzweifelte, völlig unberechenbar handelnde Figur. Warum? Weil seine große Liebe gestorben ist und er alles dafür tun würde, sie zurück zu holen. Dies erfährt der Spieler, ohne dass es jemals ausgesprochen wird. Es wird durch die fragile Atmosphäre vermittelt, die innerhalb der Zwischensequenzen, aber auch im Spiel selbst, stets herrscht.

Shadow of the Colossus 2

So begibt sich Wander mit seinem treuen Pferd Agro in eine leere, ausgestorben wirkende Szenerie, welche jedoch von einem prunkvollen, gigantischen Tempel überschattet wird. In eben jenem Tempel empfängt ihn eine unheimliche, verstohlene Stimme. Allerdings nicht mit Abneigung… Nein, stattdessen zeigt sie sich hilfsbereit. So müsse Wander nur die 16 Kolosse töten, um seinen Wunsch erfüllt zu bekommen. Mehr Informationen gibt das Spiel dem Spieler nicht. Ab diesem Punkt liegt es an uns, Wanders Schicksal zu schreiben. Kein Tutorial-Level, keine großen Erklärungen. Nur Wanders Schwert, welches über mysteriöse Kräfte verfügt, zeigt uns den Weg. So liegt der nächste Koloss dort, wo sich die Lichtstrahlen des Schwertes bündeln.

Shadow of the Colossus 3

Auf dem Weg dorthin herrscht Stille. Eine bedrückende, beunruhigende Stille. Ein leises, verheißungsvolles Warten, bis wir endlich vor dem nächsten Koloss stehen. Dann setzen pompöse Melodien klassischer Musik ein, während sich die überdimensionalen Monster durch die Landschaft bewegen, fast schon quälen. Sie bemerken uns nicht einmal, wer sind wir schon mit unserem ameisengroßen Auftreten. Doch starten wir erst einmal den Angriff, weiß sich solch ein Koloss zur Wehr zu setzen. Dennoch kommen wir nicht darüber hinweg, Mitleid für die großen Bestien zu empfinden. Wirken sie doch ganz und gar friedlich, mit ihren großen, runden Augen – fast schon einem liebgewonnenen Haustier ähnelnd. Und doch töten wir sie, einen nach dem anderen, schauen uns an, wie sie unter tragischen Chorgesängen ihr Ende finden und uns unserem Ziel näher bringen, das Mädchen namens Mono wiederzubeleben.

Fauna? Fehlanzeige

Andere Gegner, geschweige denn überhaupt irgendwelche Tierarten, befinden sich so gut wie nicht im Spiel. Sieht man einmal von den Eidechsen ab, welche versteckt sind um die Stamina von Wander zu erhöhen, ergibt sich für Wander, abgesehen von den Kolossen, absolut keine Konfrontation. Zudem treten hier und da vereinzelt Fische und Vögel auf. Das mag vielleicht beruhigend sein, wenn man weiß, dass man im tiefen, dunklen See zumindest nicht von unheimlichen Seeungeheuern angegriffen wird, kann in seiner Gesamtheit aber durchaus abschreckend wirken.

Shadow of the Colossus 4

Doch ist Shadow of the Colossus deshalb langweilig? Nein. Man muss sich auf das Spiel einlassen, es auf sich wirken lassen, verstehen, welche Vision Team ICO mit uns teilen möchte. Welche Motivation hat Wander? Welche Motivation hat die schemenhafte Stimme im Tempel? Wer oder was sind die Kolosse? Tun wir das Richtige? Gibt man sich dem durchaus eigenwilligen Stil des Spieles erst einmal hin, entstehen die großen Gefühle fast automatisch. Der Soundtrack aus der Feder von Kō Ōtani trägt Einiges zu diesem Gesamteindruck bei. So entstehen bei dem rund 10 Stunden langen Spielerlebnis starke Emotionen, Epik und die klassische Heldenfahrt durch Minimalismus – ein Konzept welches vor allem durch heutige Indie-Games immer wieder aufgegriffen wird (z. B. Bei Limbo).
Shadow of the Colossus 5

Shadow of the Colossus ist durch seine spezielle Art vielleicht nicht so leicht zugänglich, aber gerade dies macht den Titel so individuell und aus der Masse herausstehend. Dieser Tatsache war man sich trotz mäßiger Verkaufszahlen auch bei Sony bewusst, weshalb Ico und Shadow of the Colossus als HD-Remake 2011 erneut für PlayStation 3 veröffentlicht wurden. Schärfere Texturen, eine flüssigere Framerate und liebevoll aufbereitete Charaktermodelle (man beachte die Kolosse) sorgten im HD-Remake dafür, dass der sowieso schon zeitlose Look des Spieles in neuem Glanz erstrahlte. Wir bleiben bei unserer Aussage, die wir bereits am Anfang dieses Artikels gefällt haben: Jeder sollte Shadow of the Colossus zumindest angespielt haben, nicht nur weil es selten Spiele gibt, die unsere Empathie so stark fördern, wie es hier der Fall ist. Bleibt zu hoffen, dass wir diese Gefühle irgendwann einmal mit Last Guardian erneut erleben dürfen.

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